Der FC Aarau war so nah dran. Erst entglitt der direkte Aufstieg in die Super League, danach endete auch die Barrage mit der bitteren Gewissheit: Aarau bleibt ein weiteres Jahr in der Challenge League. Sportlich war die Saison ein Beweis dafür, dass der FCA ganz oben mithalten kann. Doch genau darin liegt nun das Problem.
Denn wer überzeugt, weckt Begehrlichkeiten. Nach dem knapp verpassten Aufstieg droht dem FC Aarau ein Ausverkauf jener Spieler, die das Team in dieser Saison getragen haben. Die grosse Frage lautet deshalb nicht nur, wer geht. Sondern auch, ob Aarau nach einem solchen Umbruch in der kommenden Saison nochmals realistische Aufstiegschancen hat.
Frokaj macht den Anfang
Der erste namhafte Abgang ist bereits Tatsache. Leon Frokaj verlässt den FC Aarau nach nur einer Saison und wechselt zum FC St. Gallen. Der 21 Jahre alte Mittelfeldspieler unterschrieb bei den Ostschweizern einen Vierjahresvertrag. Für Aarau ist der Abgang sportlich schmerzhaft, auch wenn der Verein für Frokaj eine Ablösesumme erhalten dürfte.
Frokaj war erst auf die Saison 2025/26 hin vom Nachwuchs des FC Basel nach Aarau gekommen. In der Challenge League entwickelte er sich rasch zu einem wichtigen Spieler. In 36 Pflichtspielen sammelte der kosovarische U Nationalspieler fünf Skorerpunkte. Noch wichtiger als die Zahlen war aber seine Entwicklung im Zentrum. Frokaj brachte Dynamik, Intensität und Perspektive in ein Mittelfeld, das nun ohnehin vor einem Einschnitt steht.
Jäckle hinterlässt eine Lücke
Mit Olivier Jäckle geht zudem eine Aarauer Identifikationsfigur. Der 33 jährige Mittelfeldspieler beendet seine Aktivkarriere nach mehr als 14 Jahren in der ersten Mannschaft. Insgesamt kam Jäckle auf 410 Pflichtspiele für den FC Aarau. Sein Abgang ist nicht nur sportlich relevant. Jäckle stand für Konstanz, Vereinstreue und Führungsstärke. Gerade in einer Phase, in der mehrere Leistungsträger den nächsten Schritt anstreben könnten, verliert Aarau damit einen Spieler, der innerhalb der Mannschaft Orientierung gab.
Fazliu könnte ablösefrei gehen
Auch bei Valon Fazliu ist die Zukunft offen. Sein Vertrag läuft aus. Der 30 jährige Offensivspieler gehört seit Jahren zu den prägenden Figuren im Aarauer Angriffsspiel. In 145 Spielen erzielte er 56 Tore. Für einen Spieler in seinem Alter könnte dieser Sommer die letzte Gelegenheit sein, nochmals einen finanziell besonders attraktiven Vertrag zu unterschreiben. Für den FC Aarau wäre ein Abgang doppelt bitter. Sportlich würde Fazliu mit seiner Erfahrung, Torgefahr und Kreativität fehlen. Wirtschaftlich droht der Verlust ohne Ablösesumme, weil sein Vertrag ausläuft. Gerade nach einer Saison, in der Aarau den Aufstieg knapp verpasste, dürfte die Aussicht auf ein weiteres Jahr Challenge League für Fazliu kaum interessanter geworden sein.
Vladi dürfte schwer zu halten sein
Auch Shkelqim Vladi ist ein schwieriger Fall. Ein Stürmer mit seinen Qualitäten würde jeder in Aarau gerne sehen. Doch der Nichtaufstieg dürfte dieses Vorhaben nochmals erschweren. Vladi ist vom FC Lugano ausgeliehen und besitzt im Tessin einen Vertrag bis 2027. Sportlich und finanziell spricht vieles dafür, dass Vladi keine Zukunft in Aarau hat. Für den FCA wäre auch dieser Abgang ein Verlust an Qualität in der Offensive. Gerade Spieler mit Durchschlagskraft im Strafraum sind in der Challenge League schwer zu ersetzen.
Filets Tore werden fehlen
Besonders schwer wiegen könnte ein möglicher Abgang von Elias Filet. Der Stürmer war in der vergangenen Saison die Lebensversicherung des FC Aarau. Seine Tore hielten Aarau im Aufstiegsrennen und machten ihn zu einem der auffälligsten Offensivspieler der Liga. Dass Filet nach einer solchen Saison kaum in der Challenge League zu halten sein wird, liegt auf der Hand. Immerhin hätte Aarau bei ihm bessere Karten als bei auslaufenden Verträgen. Ein Transfer könnte eine Ablösesumme bringen. Doch Geld schiesst keine Tore. Und genau diese Tore müsste der FCA erst einmal ersetzen.
Auch Hübel und Acquah könnten den nächsten Schritt suchen
Nicht nur im Mittelfeld und Angriff droht Bewegung. Auch Goalie Marvin Hübel könnte seinen Abgang forcieren. Das Aarauer Eigengewächs könnte nach drei Jahren Challenge League den nächsten Schritt machen. In der Defensive zeichnet sich zudem ein möglicher Abgang von David Acquah ab. Der Innenverteidiger gehörte zu den besten Aarauer Spielern der Saison und dürfte mit seinen Leistungen auch Klubs aus höheren Ligen auf sich aufmerksam gemacht haben. Sollte auch er gehen, würde Aarau in der Dreierabwehr eine zentrale Figur verlieren.
Aarau verliert Qualität auf jeder Achse
Genau darin liegt die Brisanz dieses Sommers. Dem FC Aarau drohen nicht einzelne Abgänge am Rand des Kaders. Es geht um Spieler auf allen entscheidenden Achsen. Tor, Abwehr, Mittelfeld und Angriff könnten gleichzeitig betroffen sein.
Frokaj ist weg. Jäckle hört auf. Fazliu, Vladi, Filet, Hübel und Acquah stehen zumindest im Fokus von offenen Fragen. Sollte ein grosser Teil dieser Spieler den Verein verlassen, müsste Aarau praktisch ein neues Gerüst bauen. Das ist möglich, aber riskant.
Der Druck auf die sportliche Führung steigt
Für die sportliche Leitung wird dieser Sommer zur Schlüsselphase. Der FC Aarau muss nicht nur Ersatz finden. Er muss Spieler finden, die sofort funktionieren. Denn in der Challenge League ist der Weg nach oben eng. Ein schlechter Start kann reichen, um früh den Anschluss zu verlieren. Aarau hat in der vergangenen Saison gezeigt, dass der Klub aufstiegsfähig sein kann. Doch die kommende Saison beginnt nicht mit den Punkten, der Form und der Euphorie der letzten Spielzeit. Sie beginnt mit einem Kader, der erst wieder Stabilität finden muss.
Die nächste Saison wird zur Charakterprüfung
Der FC Aarau steht damit vor einer heiklen Ausgangslage. Der Aufstieg wurde knapp verpasst, die Enttäuschung ist gross, und gleichzeitig steigt der Druck, erneut anzugreifen. Doch je mehr Leistungsträger gehen, desto schwieriger wird es, den Anspruch aufrechtzuerhalten. Der Sommer entscheidet, ob der FCA den verpassten Aufstieg als Anlauf für den nächsten Versuch nutzen kann. Oder ob ausgerechnet die starke Saison 2025/26 zum Ausgangspunkt eines Umbruchs wird, der Aarau vorerst wieder weiter von der Super League entfernt.