Die Kolumne von Philipp Gut versucht, Politikerinnen und Politiker von
SP, Grünen, GLP und FDP als heuchlerisch darzustellen, weil sie vor Jahren kritisch über starkes Bevölkerungswachstum sprachen, heute aber die SVP-Initiative gegen eine «10-Millionen-Schweiz» ablehnen. Dieser Vorwurf greift zu kurz und verzerrt die eigentliche Debatte.
Ja, es stimmt: Viele Politikerinnen und Politiker äusserten schon vor über zehn Jahren Sorgen über Verkehr, Zersiedelung, steigende Mieten oder Umweltbelastung. Diese Probleme sind real und breit anerkannt. Doch daraus folgt nicht automatisch Zustimmung zu jeder migrationspolitischen Initiative der SVP. Die entscheidende Frage lautet nicht: «Ist Wachstum eine Herausforderung?» Sondern: «Wie gehen wir damit um, ohne der Schweiz wirtschaftlich und politisch zu schaden?»
Genau hier unterschlägt die Kolumne zentrale Unterschiede. Die zitierten
Aussagen entstanden in völlig unterschiedlichen Kontexten: Manche
bezogen sich auf ökologische Nachhaltigkeit, andere auf Raumplanung oder Infrastruktur. Aussagen über ökologische Tragfähigkeit oder
Ressourcenverbrauch als migrationspolitische Bekenntnisse zu lesen, verzerrt ihren ursprünglichen Sinn. Die SVP hingegen verbindet die
Wachstumsdebatte primär mit nationaler Abschottung und einer Einschränkung der Personenfreizügigkeit mit der EU. Das ist nicht dasselbe.
Wer mehr Investitionen in Wohnungsbau, öffentlichen Verkehr oder Raumplanung fordert, muss deshalb noch lange keine Kontingente oder internationale Konflikte befürworten. Ebenso kann man hohe Zuwanderung kritisch sehen und gleichzeitig anerkennen, dass die Schweizer Wirtschaft strukturell auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Die Schweiz von 2025 ist älter, internationaler verflochten und
wirtschaftlich abhängiger von qualifizierter Migration als noch vor zwanzig Jahren. Ein erheblicher Teil des medizinischen Personals wurde im Ausland ausgebildet. Pflege, Forschung, IT und Industrie
funktionieren ohne ausländische Arbeitskräfte kaum. Diese Realität
ignoriert die Kolumne fast vollständig.
Stattdessen reduziert sie eine komplexe politische Frage auf einen
moralischen Vorwurf: «Früher anders gesprochen, heute verlogen.» Doch
politische Verantwortung bedeutet gerade nicht, alte Zitate wie Dogmen
zu behandeln. Verantwortung bedeutet, neue Entwicklungen zu berücksichtigen und Zielkonflikte ehrlich abzuwägen: wirtschaftliche Offenheit, ökologische Belastbarkeit, Wohnraum, Infrastruktur,
Sozialwerke und die Beziehungen zur Europäischen Union.
Wer die SVP-Initiative ablehnt, sagt deshalb nicht automatisch: «Alles
ist gut.» Viele sagen vielmehr: «Die Probleme sind real, aber die vorgeschlagene Lösung ist zu simpel und zu riskant.» Das ist keine Heuchelei. Das ist Abwägen.
Die Kolumne lebt von Empörung und Zuspitzung. Was ihr fehlt, ist
Differenzierung. Die Schweiz braucht eine ernsthafte Debatte über
Wachstum, Lebensqualität und Verteilungsgerechtigkeit. Was sie nicht
braucht, ist eine politische Archivsuche, die komplexe Debatten auf
frühere Zitate reduziert.
Leserbrief: Nicht verlogen, sondern verantwortungsvoll
Gegendarstellung von Jean-Claude Walser aus Aarau zur Kolumne von Dr. Gut zur 10 Millionen Schweiz.
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