In einem Leserbrief vom 30. März 2026 meldet sich Jean-Claude Walser aus Aarau zu Wort und fordert eine sachlichere Einordnung der genannten Zahlen.
Aber wäre es nicht zielführender, zuerst
zu verstehen, wie diese Summe zustande kommt, bevor man sie zur
Grundlage eines Systemvorwurfs macht?
Fehlende Transparenz statt sachlicher Einordnung
Der Linth24-Originalbericht, auf den sich Dr. Gut stützt, nennt die
Summe von 400'000 Franken, liefert aber keine Aufschlüsselung der
Kostenpositionen. Es handelt sich um eine sechsköpfige Familie. Laut
SKOS-Daten auf Basis der SEM-Statistik lagen die durchschnittlichen
Sozialhilfekosten für vorläufig aufgenommene Personen zuletzt bei rund
10'000 bis 12'000 Franken pro Person und Jahr. Für sechs Personen wären
das rund 65'000 bis 75'000 Franken. Der Linth24-Bericht verwendet dabei
ausdrücklich das Wort "jährlich", es handelt sich also nicht um eine
über mehrere Jahre aufgelaufene Summe. Woher die verbleibende Differenz
zu 400'000 Franken stammt, bleibt im Bericht offen. Genau diese Frage
verdient eine sachliche Antwort, keine pauschale Empörung.
Konsistenz in der Beurteilung
Es ist methodisch problematisch, aus ungeklärten Einzelfällen allgemeine
Schlüsse zu ziehen. Würde man dies konsequent tun, müsste man bei
IV-Missbrauch das gesamte Sozialsystem infrage stellen, bei
Steuerhinterziehung alle Steuerzahler pauschal unter Verdacht stellen,
bei exzessiven Bankerboni das gesamte Finanzwesen verurteilen. In all
diesen Bereichen gilt es als selbstverständlich, zwischen Einzelfall und
System zu unterscheiden. Wäre es nicht fair, dieselbe Massstäblichkeit
auch in der Asylpolitik anzuwenden?
Fazit
Angesichts der weltpolitischen Lage und der Flüchtlingsbewegungen, die
Europa in den kommenden Jahren vor erhebliche Herausforderungen stellen
werden, brauchen wir keine Empörungsrhetorik, sondern eine ernsthafte
gesellschaftliche Debatte. Wäre es nicht sinnvoller, zu fragen: Welche
Kostenstrukturen sind im Asylwesen tatsächlich reformbedürftig? Wie
gestalten wir ein System, das sowohl gerecht als auch finanzierbar ist?
Der Fall Wattwil könnte ein Ausgangspunkt für genau diese Diskussion
sein, wenn man bereit wäre, ihn transparent aufzuschlüsseln statt
politisch zu instrumentalisieren.